Zwangsstörungen

Ein Mann wäscht sich gründlich die Hände
Eine Zwangsstörung ist der Waschzwang
Foto: © Sandor Jackal


Inhaltsverzeichnis für diesen Artikel:

Rituale und Kontrolle bestimmen das Leben

Frau Rosenthal ist Mutter von zwei kleinen Kindern und lebt in einer glücklichen Partnerschaft.

Ihr Leben könnte so schön sein, wenn da nicht ihre alles bestimmenden Zwänge wären. Früh morgens geht es schon los. Die 29-Jährige möchte ihre Kids in den Kindergarten bringen, doch davor läuft sie ungefähr 10-mal in die Küche und schaut nach, ob der Herd auch wirklich abgedreht ist. Auf dem Weg zum Auto überkommt sie die Furcht, dass die Wohnungstür noch offen stehen könnte. Zwar hat sie diese eben 5-mal kontrolliert, doch zur Sicherheit läuft sie noch einmal die Stufen hoch in die 2. Etage. Alles OK, doch bereits am Kindergarten ist sich Frau Rosenthal nicht mehr so sicher: "Hab ich abgeschlossen oder nicht?" Der anschließend geplante Stadtbummel verschiebt sich nach hinten, da die 29-Jährige noch einmal an ihrer Wohnung vorbeifahren muss, um die Tür zu kontrollieren.

Der Versuch, durch Zwänge die eigene Angst zu mildern

Zwänge - was genau versteht man eigentlich darunter? Eigentlich ungefährliche Situationen werden von den Betroffenen als sehr bedrohlich erlebt. Durch immer wieder kehrende Handlungen versuchen diese nun, die Situation zu entschärfen. Dabei setzen sich bestimmte Gedanken fest: "Wenn ich die Haustür 10-mal kontrolliere, dann kann ich einen Einbruch verhindern."; "Nur wenn ich meine Hände ständig wasche und außerhalb der Wohnung nichts anfasse, dann kann ich verhindern, dass meine Kinder krank werden." Diese zwanghaften Gedanken drängen sich den Patienten geradezu auf und bestimmen schlussendlich viele Stunden des Tages. Betroffene fühlen sich selbst für alles Mögliche verantwortlich und durch ihre Zwangshandlungen versuchen sie, ihre Angst und Furcht vor einem möglicherweise eintretenden unangenehmen Erlebnis in Schach zu halten. Sie trauen ihrem eigenen Handeln nicht und lassen sich von immer wieder kehrenden stereotypen Gedanken leiten. Dabei wird sehr viel Zeit und Energie verbraucht und die Familien und Freunde der Betroffenen werden als zusätzliche Sicherheit "missbraucht". Meist ist es der Partner, der geduldig immer wieder erklärt und Bestätigungen abgibt. Doch im Laufe der Zeit kommt es durch die Zwangsstörung nicht selten zu familiären Konflikten und Differenzen.

Verbreitete Zwangsstörungen

Eine Frau beim Staubwedeln auf der Treppe
Wer unter Putzzwang leidet, ist oft stundenlang
mit dem Hausputz beschäftigt - Foto: © Superingo

Zwänge können ganz unterschiedlicher Natur sein. Neben dem Kontrollzwang sind folgende Zwangsstörungen verbreitet:

Waschzwänge:
Hierbei stehen die eigene Gesundheit und die der Familie im Vordergrund. Theoretisch kann alles mit Bakterien "verseucht" sein und nur das ständige Waschen von Händen und/oder dem Körper kann verhindern, dass man sich oder seine Liebsten mit irgendeiner Erkrankung ansteckt.
Putzzwänge:
Sie haben einen ähnlichen Hintergrund wie die Waschzwänge. Beim Putzzwang werden vor allem Türgriffe, Waschbecken und Toiletten immer wieder gereinigt. Diese Art von Zwangsstörung kann sich extrem ausweiten, so dass die Betroffenen stundenlang damit beschäftigt sind, ihre Wohnung und ihre Kleidung zu reinigen. Dennoch finden sie keine wirkliche Ruhe, denn sobald jemand ihr eigenes Reich betritt, war die ganze Arbeit umsonst, da nun neue Bakterien Einzug gehalten haben.

Ordnungszwänge:
Stehen die Schuhe in Reih und Glied? Herrscht im Kühlschrank die gewohnte Ordnung (nur wenn die Milch genau neben der Ketchupflasche steht, dann ist alles OK)? Liegen alle Besteckteile genau da, wo sie hingehören? Beim Ordnungszwang achten die Patienten ganz genau darauf, dass alles seinen Platz hat. Bei Störungen der gewohnten Anordnung geraten die Betroffenen in große Angst, da sie ein drohendes Unheil befürchten.

Wiederholungszwänge:
Immer 10-mal in die Hände klatschen, bevor man eine Mahlzeit einnimmt; bis 20 zählen, wenn ein rotes Auto vorbeifährt oder auf einer Zeile immer eine gleiche Anzahl an Wörtern schreiben - Wiederholungszwänge können ganz unterschiedlich sein. Wird das Ritual nicht ausgeführt, so könnten schlimme Dinge passieren.

Zwangsgedanken:
Hier handelt es sich um immer die gleichen "Eingebungen". Beispiele: der Gedanke, mit einem Messer jemand umzubringen; sich vor einen Zug zu werfen oder in der Öffentlichkeit Obszönitäten von sich zu geben. Diese Gedanken stehen in keinem Verhältnis zum Wesen der Betroffenen und werden als extrem quälend erlebt.

Psychotherapie bei Zwangsstörungen

Die Behandlung von Zwangsstörungen kann langwierig sein und ist auf eigene Faust nur schwer zu schaffen. Bei diesem Krankheitsbild hat sich eine begleitende Psychotherapie sehr bewährt. Zusammen mit dem Therapeuten werden die Hintergründe der Zwänge herauskristallisiert und Bewältigungsstrategien erarbeitet. Dabei steht die Reduzierung und letztendlich die Vermeidung der bisher ausgeführten Rituale im Vordergrund. Konfrontationen - zuerst in der Vorstellung, später in der Realität - lassen die Patienten erleben, dass ihre Befürchtungen und Ahnungen nicht eintreten, wenn sie auf ihre Zwänge verzichten. Und schlussendlich geht es auch darum, dass kein Leben ohne Risiko ist und dass eine gewisse Angst einfach zu unserem Dasein dazugehört.
Text: K. L. / Stand: 04.06.2019

[Bitte beachten Sie: Unsere Artikel können nicht den Rat eines Arztes ersetzen. Bei gesundheitlichen Problemen wenden Sie sich bitte immer an einen Arzt Ihres Vertrauens!]

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