Der autokratische Erziehungsstil - Keine Chance für Selbstverwirklichung des Kindes

Text: H. J. (Pädagogin und Erziehungswissenschaftlerin), Lesedauer: ca. 4 - 6 Minuten / Letzte Aktualisierung: 19.10.2020

Autokratischer Erziehungsstil einer Mutter nicht leicht für die Tochter
Beim autokratischen Erziehungsstil setzen die Eltern absoluten Gehorsam voraus - Foto: © Syda Productions - stock.adobe. com

Der autokratische Erziehungsstil ist ein Begriff aus der Erziehungsstilforschung, den der Soziologe und Psychologe Glen H. Elder prägte. Elder hatte die drei Erziehungsstile autoritär, demokratisch und Laissez-Faire, die durch Kurt Lewin eingeführt worden waren, im Jahr 1962 durch vier weitere ergänzt, und zwar den autokratischen, den egalitären, den permissiven und den negierenden Erziehungsstil.

Autokratischer Erziehungsstil - Was ist das?

Als Synonym für autokratisch nennt der Duden das Wert selbstherrlich, das diesen Erziehungsstil in gewisser Weise bereits erklärt.
Der autokratische Erziehungsstil kann als eine gesteigerte Form der autoritären Erziehung angesehen werden. Grundlage ist der Gedanke, dass es unbedingt notwendig ist, gegenüber Kindern Autorität auszuüben. Die Kinder werden nicht als gleichberechtigte Partner angesehen und haben kein Mitspracherecht bei Entscheidungen. Ihre Meinung, Bedenken und Interessen zählen also in keiner Weise, sondern es gilt nur das, was der Erziehende als Autoritätsperson bestimmt. Der autokratische Erziehungsstil ist auf bedingungslosen Gehorsam und Disziplin ausgelegt.

Kriterien eines autokratischen Erziehungsstil im Überblick:

  • der Erziehende bestimmt allein über alle Aktivitäten des Kindes und stellt die Regeln auf
  • das Einhalten der Regeln wird durch den Erziehenden streng überwacht
  • Erziehungsmittel sind Bestrafung, Einschüchterung und Drohungen
  • wenn die Regeln eingehalten werden, verhält sich der Erziehende freundlich, aber distanziert
  • Grundlage sind Gehorsam und blinde Akzeptanz

Der autokratische Erziehungsstil in der Familie

Eltern, die ihr Kind im autokratischen Erziehungsstil erziehen, stellen zumeist feste Regeln auf, die das Kind ungefragt befolgen muss und die nicht erklärt werden.
Damit wird jegliche Eigeninitiative bereits im Keim erstickt. Das Kind erhält keinen eigenen Handlungsspielraum und kann sich nicht frei entfalten. Werden die durch die Eltern aufgestellten Regeln nicht eingehalten, muss das Kind mit Konsequenzen rechnen. Meistens sind das Strafen, die nicht erklärt werden und nicht einmal mit dem Fehlverhalten in Verbindung stehen müssen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn das Kind Fernsehverbot bekommt, weil es in der Schule schlechte Noten bekommen hat. Das Fernsehverbot dient einzig der Bestrafung, ohne dass das Kind versteht, warum gute Noten wichtig sind und wie eine Verbesserung möglich ist.

In der Praxis muss man davon ausgehen, dass der autokratische Erziehungsstil in reiner Form kaum noch vorkommt, da die Erziehung in der Regel durch das gesamte Umfeld eines Kindes erfolgt und sich bereits die Erziehungsmethoden der Mutter und des Vaters unterscheiden können. Dazu kommen Großeltern, Erzieherinnen im Kindergarten, Lehrerinnen und Lehrer sowie Freunde, die Einfluss auf das Verhalten eines Kindes ausüben.

autokratische Erziehungsstil in einer Familie
Der autokratische Erziehungsstil hat diese Erziehungsmittel: Bestrafung, Einschüchterung und Drohungen - Foto: © Konstantin Yuganov- stock.adobe. com

Der autokratische Erziehungsstil außerhalb der Familie

Die Psychologen Anne-Marie und Reinhard Tausch stellen fest, dass der Schulunterricht in den 1960er und 1970er Jahren durch den autokratischen Erziehungsstil stark geprägt war.
Die Lehrer gaben vor, welche Aufgaben zu erledigen waren und welche Mittel die Kinder dafür nutzen durften. Die Kinder arbeiteten die Aufgaben nach dem Wunsch der Lehrer als Autoritätspersonen ab, ohne über eigene Methoden zur Verwirklichung nachdenken zu können. Das Psychologen-Paar Tausch stellt jedoch auch fest, dass das Verhalten von Lehrern und Erziehenden von einem demokratischen in den autokratischen Erziehungsstil umkippen konnte.

Auswirkungen eines autokratischen Erziehungsstils

Der autokratische Erziehungsstil ist nicht dazu geeignet, Kinder zu einem selbstverantwortlichen Handeln zu erziehen und ihnen ein gesundes Selbstwertgefühl zu vermitteln. Ein strikt autokratischer Erziehungsstil und Überbehütung führen nach Meinung der Pädagogin und Soziologin Marion Ueberfeldt ebenso wenig zu einem selbstständigen Leben wie eine Erziehung ohne jegliches Setzen von Grenzen, schreibt die Main-Spitze im Juni 2019. Kinder, die autokratisch erzogen werden, zeigen häufig starke Minderwertigkeitsgefühle. Doch auch zu einem gesteigerten aggressiven Verhalten gegenüber Schwächeren oder sogar sich selbst kann diese Art der Erziehung führen.

Erziehungsstile in der Übersicht:

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