Der egalitäre Erziehungsstil - Gleiche Rechte und Pflichten für alle

Text: H. J. (Pädagogin und Erziehungswissenschaftlerin) / Letzte Aktualisierung: 12.09.2020

Egalitärer Erziehungsstil Eltern und Kinder nicht nur beim Spielen gleichberechtigt
Egalitärer Erziehungsstil: Gleichstellung von Eltern und Kindern - Foto: © drubig-photo - stock.adobe. com

Egalitär bedeutet gleichberechtigt. Daraus folgert, dass alle Beteiligten beim egalitären Erziehungsstil gleiche Rechten und Pflichten haben. Es gibt keine Hierarchien, das heißt Eltern oder Erzieher stehen nicht über den Kindern. Da es keine starren Erziehungsregeln gibt, sondern Situationen zwischen allen Beteiligten ausdiskutiert werden, wird der egalitäre Erziehungsstil kontrovers diskutiert. Der Entwicklung des Selbstwertgefühls der Kinder kann eine Überforderung durch das Fällen eigener Entscheidungen entgegenstehen.

Egalitärer Erziehungsstil - Was ist das?

Aufbauend auf drei Erziehungsstilen, die bereits in den 1940er Jahren durch den Sozialpsychologen Kurt Lewin zur Untersuchung des Verhaltens von Erziehern auf Heranwachsende entwickelt wurden, prägte der amerikanische Soziologe und Psychologe Glen H. Elder vier weitere Stile. Elder unterscheidet nun zwischen sieben Erziehungsstilen, und zwar autoritär, demokratisch, Laissez-Faire, autokratisch, egalitär, permissiv und negierend.

Der egalitäre Erziehungsstil ist auf Gleichberechtigung zwischen den Erziehenden und den Kindern ausgerichtet.
Die Kinder haben ein Mitbestimmungsrecht sowie die gleichen Rechte und Pflichten wie die Erziehenden. Es gibt keine Hierarchie, sondern alle bewegen sich auf der gleichen Ebene. Der egalitäre Erziehungsstil fordert die Selbstständigkeit und Eigeninitiative von Kindern. Er kann sie aber auch überfordern, weil es keine festen Regeln gibt, an denen sie sich orientieren können.

Kriterien für den egalitären Erziehungsstil

Der egalitäre Erziehungsstil wird von manchen Pädagogen als eine gesteigerte Form der demokratischen Erziehung angesehen. Er wird hauptsächlich durch die folgenden Merkmale charakterisiert:

  • es gibt keine Hierarchien
  • der Erziehende befindet sich auf einer Ebene mit dem Kind
  • Eltern und Erzieher machen zwar Vorschläge, aber deren Umsetzung wird gemeinsam beraten
  • die Erledigung von Aufgaben wird gemeinsam besprochen, wobei die Erziehenden Lösungsvorschläge unterbreiten können
  • Erzieher und Eltern unterstützen und ermutigen die Kinder

Der egalitäre Erziehungsstil in der Familie

Kinder müssen sich beim egalitären Erziehungsstil innerhalb einer Familie den Eltern nicht unterordnen. Ihre Meinung hat genauso viel Gewicht wie die der Eltern.
Wichtige Entscheidungen werden gemeinsam besprochen und letztendlich demokratisch entschieden. Alle Familienmitglieder begegnen sich mit Respekt und Achtung. Die praktizierte Gleichberechtigung innerhalb der Familie kann allerdings dazu führen, dass Entscheidungen nur langsam gefällt werden. Sowohl Eltern als auch Kinder müssen viel Ausdauer und Zeit aufbringen, wenn alle Belange und Vorhaben zuvor ausdiskutiert werden.

In bestimmten Situationen kann das zur starken Geduldsprobe werden. Hier dazu ein Beispiel:

Das Kind möchte bei Minusgraden keine Jacke für den Weg zum Kindergarten anziehen. Die Mutter weiß jedoch, dass es viel zu kalt dafür ist, im schlimmsten Fall eine Krankheit droht und im besten das Kind unterwegs zu jammern anfangen wird, weil es friert.
Das Ausdiskutieren nimmt viel Zeit in Anspruch, die in der Regel morgens knapp ist. Meistens kommt es in so einer Situation nicht zu einer gütlichen Einigung. Das bedeutet streng genommen, dass der egalitäre Erziehungsziel nicht konsequent beibehalten wird. Bestimmt am Ende die Mutter, handelt sie autoritär.
Überlässt sie indessen dem Kind die Entscheidung, obwohl sie genau weiß, dass diese falsch ist, verfällt sie in den negierenden Erziehungsstil.

Egalitäre Erziehungsstil bedeute gleiche Rechte und Pflichten für Eltern und Kinder
Egalitäre Erziehungsstil heißt auch das die Kinder im Haushalt helfen müssen - Foto: © JenkoAtaman - stock.adobe. com

Auswirkungen eines egalitären Erziehungsstils

Der egalitäre Erziehungsstil erfordert eine emotionale Reife, die kleinere Kinder häufig noch nicht haben. Außerhalb der Familie kann es ihnen schwerfallen, sich einzuordnen und bestehende Regeln zu akzeptieren.
Andererseits kann eine egalitäre Erziehung das Selbstwertgefühl und ein gesundes Selbstbewusstsein fördern. Die Kinder lernen, sich auszudrücken und ihren Standpunkt zu vertreten. Sie werden üblicherweise im späteren Leben nicht zu Mitläufern, da sie Regeln und Normen hinterfragen, bevor sie diesen folgen. Für Eltern und Erziehende kann der egalitäre Erziehungsstil zur Belastung werden, da er viel Geduld und Zeit erfordert. Es ist fraglich, ob er dauerhaft durchgehalten werden kann, da vor allem jüngere Kinder noch viel Anleitung benötigen, bevor sie eigene Entscheidungen treffen können und zielführendes Diskussionstalent entwickelt haben.

Erziehungsstile in der Übersicht:

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