Der autoritäre Erziehungsstil - Merkmale und Auswirkungen
Text: H. J. (Pädagogin und Erziehungswissenschaftlerin), Lesedauer: ca. 5-7 Minuten / Letzte Aktualisierung: 22.04.2026
In dem Spielfilm "Freistatt" aus dem Jahr 2015 zeigt der Regisseur Marc Brummund welche Folgen autoritäre Strukturen bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen haben können. Zwar erzählt der Film eine fiktive Geschichte, diese beruht aber auf wahren Begebenheiten und prangert insbesondere die Heimerziehung in Deutschland bis in die 1970er Jahre an.
Zu dieser Zeit herrschte ein autoritärer Erziehungsstil aber auch in vielen Familien vor, analog zu den gesellschaftlichen Werten, zu denen insbesondere unbedingter Gehorsam, Fleiß und nicht hinterfragter Respekt vor Autoritätspersonen gehörte. Im Verlauf der 1968er-Studentenbewegung und gesellschaftlicher Veränderungen weichten die Strukturen auf und andere Erziehungsformen und -stile gewannen an Bedeutung. Mittlerweile haben sich die Erziehungsstile in der Praxis verwischt und häufig lassen sich bei der Erziehung innerhalb einer Familie Elemente aus verschiedenen Stilen erkennen.
Autoritärer Erziehungsstil - Was ist das?
Der autoritäre Erziehungsstil ist einer von mehreren Stilen, die Sozialpsychologen und Pädagogen definieren. Manchmal auch als herrschender Erziehungsstil bezeichnet, ist der autoritäre Erziehungsstil auf Gehorsam orientiert und stellt Arbeit sowie Leistung in den Vordergrund. Er setzt stark auf Bestrafen und Belohnung.
Heute hat der autoritäre Erziehungsstil in der praktischen Erziehung stark an Bedeutung verloren, zumal Forschungen zeigen, dass die Auswirkungen auf Heranwachsende vorwiegend negativ sind.
Das Autorenteam Carolin Donath, Elmar Graessel, Dirk Baier, Stefan Bleich und Thomas Hillemacher beispielsweise veröffentlichte im Jahr 2014 eine Studie mit dem Titel "Is parenting style a predictor of suicide attempts in a representative sample of adolescents?", in der die Autoren statuieren, dass das Risiko für Selbstmordversuche durch Jugendliche sowohl durch einen autoritären als auch durch einen stark vernachlässigenden Erziehungsstil gesteigert wird.
Untersuchungen des autoritären Erziehungsstils durch Kurt Lewin
Der Begriff autoritärer Erziehungsstil geht auf Untersuchungen zum Erzieherverhalten durch den Sozialpsychologen Kurt Lewin und seine Mitarbeiter in den 1940er Jahren in den USA zurück, in denen die Auswirkungen des Verhaltens von Erziehern auf das Verhalten Heranwachsender untersucht wurden. Lewins Experimente gelten heute als wegweisend für die Forschung zu Erziehungsstilen in der Pädagogik und zu Führungsstilen in der Wirtschaft.
Aufbauend auf Lewins Arbeiten entwickelte die US-amerikanische Psychologin Diana Baumrind in den 1960er und 1970er Jahren eine Typologie, die heute in der Erziehungswissenschaft als Standard gilt. Sie unterschied zunächst drei Stile - autoritär, autoritativ und permissiv - und hob besonders den Unterschied zwischen autoritärer Strenge ohne Wärme und autoritativer Führung hervor, die Regeln mit Begründung und Zugewandtheit verbindet.
Zur Erfassung von Erziehungsstilen untersuchten Lewin und sein Team das Verhalten und die Arbeitsleistungen von kleinen Gruppen unter Berücksichtigung der dafür klassifizierten Erziehungsstile:
Bei dem Experiment legte das Team für jeden Erziehungsstil bestimmte Richtlinien fest und betrachtete das Verhalten der Gruppenmitglieder in deren Folge. Insbesondere wurden die folgenden Aspekte zugrunde gelegt:
- Entscheidungsträger
- Art der Ausführung der Aufgaben
- Verteilung der Aufgaben
- Eingriff in die Aufgabenerledigung
Ein Kind autoritär erziehen? Wichtige Fragen und Antworten:
Wer trifft hauptsächlich die Entscheidungen und legt die Regeln fest?
Beim autoritären Erziehungsstil werden alle Regeln durch den Erzieher als Autorität bestimmt und nicht innerhalb der Gruppe diskutiert. Einzelentscheidungen oder Entscheidungen der gesamten Gruppe sind nicht möglich.
Wer entscheidet, welche Verfahren und Techniken für die Erledigung der Aufgaben genutzt und in welcher Reihenfolge diese erledigt werden?
Auf welche Weise und mit welchen Mitteln Aufgaben ausgeführt werden, entscheidet beim autoritären Erziehungsstil einzig die Autorität, also der Gruppenleiter oder der Erzieher.
Wie sieht die Aufgabenverteilung aus?
Der Erzieher bestimmt, welches Gruppenmitglied welche Aufgaben übernimmt.
Wie greift der Erzieher in die Erledigung der Aufgaben ein?
Der Erzieher greift in das Gruppengeschehen nicht ein, kann aber einzelne Gruppenmitglieder loben beziehungsweise kritisieren. Er kann allerdings Tätigkeiten oder Verfahrensweisen demonstrieren.
Der autoritäre Erziehungsstil in der Familie
Eltern, die auf eine streng autoritäre Erziehung setzen, fordern zumeist eine bedingungslose Unterwerfung des Kinders, die keinerlei Mitrede oder Widerspruch zulässt. Regeln werden durch Strenge und Härte durchgesetzt, wobei der autoritäre Erziehungsstil aber nicht zwangsläufig mit körperlichen Züchtigungen oder Misshandlungen einhergehen muss. Neben Strafe wird auch Lob zur Durchsetzung des Erziehungsziels eingesetzt. Verbote und Anweisungen werden nicht durch den Erziehenden begründet, sondern müssen befolgt werden, ohne sie zu hinterfragen. Damit bietet der autoritäre Erziehungsstil für Kinder wenig Möglichkeiten zur Selbstentfaltung. Sie lernen nicht, eigene Entscheidungen zu treffen und Konflikte mit anderen zielführend auszutragen.
Mein Kind hält sich nicht an Regeln - Was kann ich tun?
Abgrenzung: autoritär, autokratisch und autoritativ
Diese drei Begriffe werden häufig verwechselt. Autoritär bedeutet: Der Erziehende setzt Regeln ohne Begründung durch, Widerspruch ist unerwünscht. Autokratisch geht noch einen Schritt weiter - hier duldet der Erziehende keinerlei eigene Meinung des Kindes, jede Entscheidung fällt ausschließlich oben. Autoritativ hingegen kombiniert klare Regeln mit Wärme, Dialog und Erklärungen und gilt heute als empfohlener Erziehungsstil.
Auswirkungen eines autoritären Erziehungsstils
Bei den Untersuchungen zu den verschiedenen Erziehungsstilen beobachteten die Forscher um Lewin unterschiedliche Verhaltensweisen der Kinder als Gruppenmitglieder.
Verhielt sich der Gruppenleiter gemäß des autoritären Erziehungsstils, trat also konsequent als Autoritätsperson auf, schwankte das Verhalten der Kinder zwischen Aggression und Duckmäusertum gegenüber der Autorität. Das Verhalten zu den anderen Gruppenmitgliedern wurde hingegen als gereizt und dominant beschrieben. Wie eingangs bereits erwähnt, stellte eine Studie im Jahr 2014 ein erhöhtes Suizidrisiko bei Jugendlichen fest, die streng autoritär erzogen wurden. Bereits im Jahr 2009 bemerkte ein Forscherteam aus Israel einen möglichen Zusammenhang zwischen einer autoritären Erziehung und Essstörungen. Weitere Studien kamen zu dem Schluss, dass sich der autoritäre Erziehungsstil negativ auf die psychische Gesundheit von Heranwachsenden auswirkt.
Ein autoritärer Erziehungsstil kann folgende Auswirkungen haben, muss aber nicht zwangsläufig dazu führen:
- aggressives Verhalten des Kindes auch in späteren Jahren
- geringes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein
[ So können Sie das Selbstvertrauen bei Kindern stärken ] - geringe soziale Kompetenzen
- erhöhtes Suizidrisiko
- erhöhtes Risiko von Essstörungen
Raus aus autoritären Erziehungsmustern
Eltern, die bei sich autoritäre Züge erkennen, können in kleinen Schritten umsteuern. Regeln und Verbote lassen sich meist begründen, statt sie ohne Erklärung zu setzen - das macht sie für das Kind nachvollziehbar. Wer dem Kind zuhört und seine Argumente ernst nimmt, schwächt die eigene Autorität nicht, auch wenn am Ende eine klare Entscheidung steht. Strafen lassen sich durch natürliche Konsequenzen ersetzen, Lob lässt sich an konkretes Verhalten statt an bloßen Gehorsam knüpfen. Eine Orientierung bietet der autoritative Erziehungsstil, der in der heutigen Pädagogik als besonders ausgewogen gilt.
Ein Kind autoritär erziehen ist nicht mehr zeitgemäß!
Wie Kinder auf einen autoritären Erziehungsstil reagieren, hängt unter anderem von der individuellen Psyche ab. Es muss zudem berücksichtigt werden, dass die Erziehung in vielen Fällen nicht allein den Eltern obliegt. Lehrer, Erzieher, Großeltern und andere Bezugspersonen haben einen großen Anteil an der Entwicklung eines Kindes, wodurch eine autoritäre Erziehung in ihrer reinsten Form in der Realität kaum noch vorkommt.
Aus Sicht der Entwicklungspsychologie ist das auch gut so: Kinder, die mit Dialog, Wärme und klaren Regeln aufwachsen, entwickeln nachweislich mehr Selbstvertrauen und soziale Kompetenz.
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