"Mein Kind ist wie ausgewechselt, seitdem es den Waldkindergarten besucht" - erzählt eine Mutter. "Er ist viel ausgeglichener und weniger überdreht als früher". Ähnliche Erfahrungen machen auch andere Eltern von Kindern, die einen Platz im Waldkindergarten gefunden haben. Die Nachfrage ist groß. Viele Eltern sehen die klassische Kinderbetreuung in der gewöhnlichen Kindertagesstätte nicht mehr als einzige und optimale Möglichkeit, ihre Kinder gut versorgt zu wissen. Das Konzept der Waldkindergärten hat sich bewährt, dennoch sind sie bei weitem noch nicht sehr umfangreich vertreten.
Die Form "Waldkindergarten" stammt ursprünglich aus Skandinavien, genauer genommen gab es den ersten in Dänemark in den fünfziger Jahren. Deutschland brauchte fast zwanzig Jahre, bis auch hier der erste Waldkindergarten seine Pforten öffnete. Vorerst ohne offizielle Anerkennung. Diese gab es erstmals Anfang der neunziger Jahre für einen Waldkindergarten.
In Waldkindergärten werden die Kinder zwischen drei und sieben, ab und zu auch schon ab zwei Jahren, unter freiem Himmel im Wald betreut - wie es der Name bereits verrät. Alle Aktivitäten finden draußen statt, bei jedem Wetter. Ausnahmen gibt es lediglich, bei extremen Witterungsverhältnissen, wie Sturm und Gewitter. Oder wenn der Förster den Wald nicht freigibt, weil zu hohe Schneelasten auf den Bäumen ein Abbrechen der Äste verursachen könnte und dadurch die Sicherheit der Kinder auf dem Spiel stünde. In diesen besonderen Fällen, die nur äußerst selten auftreten, finden die Kinder Unterschlupf in einer Sturmhütte, einem Bauwagen oder anderen nahegelegenen Räumlichkeiten. Diese sind Bedingung für die Genehmigung eines Waldkindergartens. Ebenso eine maximale Gruppengröße von zwanzig Kindern. Weiterhin vorausgesetzt wird, dass die Kinder von mindestens zwei qualifizierten und fachlich ausgebildeten Erziehern betreut werden. An sie werden die gleichen Anforderungen an frühkindliche Förderung und Betreuung gestellt, wie es in einer regulären Kita auch der Fall ist.
Kinder und Erzieher genießen die Ruhe im Wald. Die Lärm- und die Stressbelastung in einer Standard - Kita sind wesentlich höher als in Waldkindergärten. Das wirkt sich auch auf die
Entwicklung der Kinder aus. Besonders ist auch, dass die Kinder kein normales Kinderspielzeug zur Verfügung gestellt bekommen. Sie spielen mit dem, was die Natur ihnen bietet. Die Phantasie der Kinder kennt dabei keine Grenzen. Positiv wirkt sich dies auch auf die sprachliche Entwicklung der Kinder aus. Sie erläutern viel öfter ihr Spiel um den anderen Kindern klarzumachen, was sie gerade in ihrer Phantasie erleben und um sie auch mit in ihr Spiel einzubinden. Hilfsmittel wie zum Beispiel Schaufeln oder Becherlupen, Seile, Tücher oder kleine Sägen sowie Bestimmungsbücher für Pflanzen und Tiere in kindgerechter Form gibt es natürlich auch, aber es wird sich in einem Waldkindergarten keine elektrische Eisenbahn oder ein Puppenwagen finden lassen. Eine Reizüberflutung bleibt dadurch aus und die Kreativität wird intensiv gefördert und geschult. Jeder Erwachsene würde staunen, was die Kinder alles plötzlich aus dem "Nichts" mitten im Wald basteln und herzaubern können.
Die Kinder lernen im Waldkindergarten sehr viel über die Kreisläufe in der Natur, über Tiere und Pflanzen. Sie "erleben" im wahrsten Sinne des Wortes die Jahreszeiten. Der Aufenthalt im Freien stärkt das Immunsystem der Kinder, sie sind weniger oft krank. Ein weiterer positiver Vorteil ist, dass die Kinder ständig in Bewegung sind und dabei sowohl Kraft als auch Ausdauer schulen. Das beugt auch Übergewicht vor. Vorausgesetzt ist natürlich immer die richtige Kleidung für die Waldkinder, wettergerecht und belastbar sollte sie sein.
Kinder aus Waldkindergärten legen ein ganz besonderes Umweltbewusstsein an den Tag. Sie lernen von Anfang an, dass kein Müll in den Wald geworfen werden darf und dass sie die Natur achten. Für sie ist das ganz selbstverständlich, sie wachsen natürlich in das Thema hinein, ohne auf "Öko" getrimmt zu werden. Die Selbstständigkeit der Waldkinder wird deutlich intensiver geschult, denn jedes Kind ist für seine Sachen, wie den Rucksack, das Sitzkissen oder sein Essen und die Brotbüchse, selbst verantwortlich.
Auch in Waldkindergärten gibt es Regeln, an die sich die Kinder halten müssen. Es dürfen keine Äste und Zweige abgebrochen werden, weder Pilze noch Beeren ohne Erzieher gesammelt oder gegessen werden. Lautes Schreien ist auch hier verboten. Und auf höfliche Umgangsformen und ein gewaltfreies Miteinander ohne Schubsen und Stoßen wird selbstverständlich auch im Wald Wert gelegt.
Ansonsten verläuft ein Tag im Wald ähnlich wie in einer normalen Kita auch. Es gibt einen Morgenkreis, Beschäftigungszeit, Mittagessen und je nach Waldkindergarten und Öffnungszeiten
auch Mittagsschlaf und eine Nachmittagsbetreuung. Geburtstage und andere Feste werden ganz gewöhnlich gefeiert, nur eben im Wald. Auch Bastelstunden, Entspannungsübungen, motorische Spiele oder Märchenstunden machen im Wald Spaß. Viele Kitas haben die Vorteile eines Waldkindergartens erkannt und möchten das Waldkindergarten Konzept gern in den Alltag ihres Hauses einbinden. Daher gibt es immer mehr Kindergärten, die Waldprojekttage oder Waldwochen einführen. Das heißt, die Kinder sind zum Beispiel im Wochenwechsel eine Woche vormittags im Wald und eine Woche verbringen sie ganz normal in der Kita. So gewinnen die Kinder von beiden Systemen die Vorteile.
Eines ist sicher. Die Kinder lieben den Aufenthalt im Wald. Es macht Spaß, sie dabei zu beobachten. Die Natur bietet den Kindern reichhaltige Möglichkeiten für ihr Spiel, ihre motorische Entwicklung, ihre Phantasie und ihr Verständnis. Und das Schönste am Waldkindergarten für Eltern ist, wenn die Kinder ausgepowert nach Hause kommen und am Abend entsprechend müde ins Bett fallen.
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