AOK-Studie: 40 Prozent der pflegenden Angehörigen sind hoch belastet

Pflegende Tochter hält die Hand ihrer Mutter
Pflegende Angehörige stehen oft vor großen Herausforderungen. Foto: © Viacheslav Yakobchuk, stock.adobe. com

Über 40 Prozent der pflegenden Angehörigen in Deutschland sind körperlich und psychisch hoch belastet - viele von ihnen versuchen gleichzeitig, Beruf, eigene Kinder und Pflege unter einen Hut zu bekommen. Das ist das zentrale Ergebnis des neuen WIdO-Monitors, den das Wissenschaftliche Institut der AOK Anfang Mai veröffentlicht hat. Für viele Familien ist das keine Statistik, sondern Alltag.

Die wichtigsten Zahlen im Überblick

Für die Studie hat das forsa-Institut im Auftrag des WIdO 1.500 pflegende Angehörige befragt - repräsentativ über alle Pflegegrade hinweg.

WIdO-Monitor 2026 - Pflege in Zahlen

Wer pflegt, wie viel und wie belastend ist es?

40 %

hoch belastet

aller Pflegenden - körperlich oder psychisch

60 %

sind Frauen

spürbarer „Gender Care Gap"

63 %

pflegen täglich

Hauptpflegepersonen

11 %

über 40 Stunden/Woche

Pflege wie ein Vollzeitjob

59 %

sind berufstätig

davon 27,7 % in Teilzeit

40 %

pflegen schon 5+ Jahre

Pflege als Dauersituation

Datenquelle: WIdO-Monitor 2026 zu pflegenden Angehörigen, AOK-Bundesverband / forsa, Befragung Sept./Okt. 2025.

Frauen tragen die Hauptlast

Knapp 60 Prozent aller pflegenden Angehörigen sind Frauen. Das wirkt sich auch finanziell aus: Wer Pflege übernimmt, reduziert oft die Arbeitszeit oder steigt zeitweise aus dem Beruf aus. Unter den teilzeitbeschäftigten Pflegenden haben 45 Prozent ihre Stundenzahl explizit wegen der Pflege reduziert. Das hat langfristige Folgen - von geringeren Rentenansprüchen bis hin zu gesundheitlichen Einbußen.

Beruf und Pflege - eine schwer zu meisternde Doppelbelastung

Etwa 47 Prozent der berufstätigen Pflegenden berichten von hoher Belastung. Das gilt aber nicht nur für sie: Auch unter den nicht berufstätigen Pflegenden sind 38 Prozent stark belastet.

„Die Befragung zeigt, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege eine zentrale Belastungssituation darstellt." Susann Behrendt, Forschungsbereichsleiterin Pflege im WIdO

Was viele Familien nicht wissen - und nicht nutzen

Eines der überraschenden Ergebnisse: Trotz hoher Belastung greifen viele Pflegende kaum auf die verfügbaren Entlastungs-Angebote zurück. Über die Hälfte (55,2 %) verlässt sich allein auf das Pflegegeld und nimmt keine weiteren Leistungen in Anspruch.

  • Verhinderungspflege: nur 37,8 % nutzen sie
  • Kurzzeitpflege: nur 12 % nutzen sie
  • Tagespflege: nur 8 % nutzen sie
  • Pflegezeit-Gesetz (Auszeit im Job): nur 12,5 % der berufstätigen Pflegenden

Die Gründe sind selten finanziell. Häufiger geben Befragte an, sie sähen schlicht „keinen Bedarf" (43-52 %) oder die pflegebedürftige Person bevorzuge die familiäre Pflege (31-47 %).

Pflegegrade auf einen Blick

85 Prozent der Befragten pflegen Angehörige mit Pflegegrad 2 oder 3. Über 10 Prozent betreuen Personen mit den höheren Pflegegraden 4 oder 5 - also Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen, die rund um die Uhr Unterstützung brauchen.

Was Familien jetzt tun können

Pflege betrifft heute fast jede Familie irgendwann - sei es bei den eigenen Eltern, beim Partner oder bei einem Kind mit besonderem Unterstützungsbedarf. Wer im Pflegealltag steht oder sich darauf vorbereitet, sollte folgende Anlaufstellen kennen:

Anlaufstellen für pflegende Angehörige

  • Pflegestützpunkte: kostenlose Beratung in fast jedem Landkreis - Adressen über die Krankenkasse oder die Verbraucherzentrale.
  • Pflege-Pauschalbeträge prüfen: Pflegegeld, Verhinderungspflege, Entlastungsbeitrag - vieles steht zu, wird aber nicht automatisch ausgezahlt.
  • Pflegezeit oder Familienpflegezeit beantragen: Beide gesetzlich geregelt, mit Anspruch auf zinsloses Darlehen.
  • Selbsthilfegruppen: in vielen Städten kostenlos, entlasten emotional und liefern praktische Tipps.

Warnsignale ernst nehmen

Dauernde Erschöpfung, Schlafstörungen, Reizbarkeit oder körperliche Beschwerden sind keine „Begleiterscheinungen" der Pflege, sondern klare Hinweise darauf, dass die eigenen Grenzen überschritten sind. Frühzeitig Unterstützung suchen schützt vor langfristigen Folgen - auch für die zu pflegende Person.

Mehr zum Thema Familienorganisation und zu finanziellen Hilfen finden Sie in unseren Bereichen Familienleben und Finanzen. Aktuelle Beiträge dazu sammeln wir hier im Familienblog.

Quelle: AOK-Bundesverband / Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO), Pressemitteilung zum WIdO-Monitor 2026 vom 8. Mai 2026. Repräsentative forsa-Befragung von 1.500 pflegenden Angehörigen (30. September bis 21. Oktober 2025) - Originalmeldung der AOK. Eigene Aufbereitung durch die Redaktion familie-und-tipps.de.

Tjark Knittel

Über den Autor

Tjark Knittel

Tjark ist verheiratet und lebt mit seiner kleinen Familie in Berlin. Als Chefredakteur des Portals hat er alles im Blick, schreibt aber auch selbst - unter anderem über Haustiere, Freizeit und Garten.

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