Umgang mit Stiefkinder

Text: H. J. (Pädagogin und Erziehungswissenschaftlerin) / Letzte Aktualisierung: 30.06.2021

Umgang mit Stiefkinder
Tipps zum Umgang mit der Stieftochter oder dem Stiefsohn - Foto: © Yakobchuk Olena - stock.adobe. com

In den Märchen "Hänsel und Gretel", "Schneewittchen" und "Aschenputtel" macht eine böse Stiefmutter den Kindern aus der ersten Ehe ihres Mannes das Leben schwer. Die Begriffe Stiefmutter, Stiefvater und Stiefkinder sind für viele Menschen dadurch negativ besetzt, sodass heute häufiger von der Bonusmutter, dem Bonusvater und der Bonuskindern zu hören und zu lesen ist.

Stieffamilien sind eine besondere Form der Familie

Tatsächlich sieht das Zusammenleben in modernen Stief- oder Patchworkfamilien längst nicht so grau und böse aus, wie es die Märchen uns suggerieren. Dass heißt nicht, dass in manchen Familien nicht Konflikte bewältigt werden müssen, die aus dieser besonderen Familienform resultieren. Im Unterschied zur Kernfamilie müssen sowohl ein Elternteil als auch die Kinder den Verlust des anderen Elternteils durch den Tod oder durch Trennung verarbeiten. Innerhalb der Kernfamilie hatten sich die Eltern als Paar bereits auf bestimmte Erziehungsregeln geeinigt, die in der neuen Familie neu ausgehandelt werden müssen.

Warum es zu Problemen innerhalb von Stieffamilien kommen kann

Der durch Trennung abwesende Elternteil hat in der Regel noch immer Einfluss auf das Kind und möchte meistens Einfluss auf dessen Erziehung nehmen. Je nachdem, wie das Verhältnis der Erwachsenen zueinander ist, kann dadurch ein Zusammenwachsen der neuen Familie verzögert werden. Im schlimmsten Fall reagieren die Kinder auf das neue Stiefelternteil mit Ablehnung und mit den Worten "Du hast mir gar nichts zu sagen", wie auch ein Buch über Stiefmütter von Susanne Heger heißt. Alle erwachsenen Beteiligten sollten sich über eines im Klaren sein: Für Kinder ist die Trennung der Eltern immer schwer und oftmals sind sie damit überfordert, wenn plötzlich mehrere Elternteile bei der Erziehung mitreden. Wenn sich zwei Menschen ineinander verlieben, stellt sich die Frage nach bereits vorhandenen Kindern erst zweitrangig. Spätestens aber wenn geplant wird, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen, sollten sich Stiefmütter oder Stiefväter in spe darüber Gedanken machen, ob sie dieser Aufgabe dauerhaft gewachsen sein werden. lesen Sie auch unseren Ratgeberartikel "Probleme mit dem Stiefkind"

Was beim Umgang mit den Stiefkindern beachtet werden sollte

Ein für alle Beteiligten befriedigendes Zusammenleben in einer Patchworkfamilie kann nur gelingen, wenn keine falschen Erwartungen gehegt werden und verantwortungsvoll mit der neuen Situation umgegangen wird. Die neue Partnerin oder der neue Partner müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie nicht immer an erster Stelle kommen und sie sich die Aufmerksamkeit ihrer oder ihres Liebsten zumindest zeitweise mit den Kindern teilen müssen. Sie sollten sich die Frage stellen, ob sie die Kinder als Bonus betrachten oder als Last empfinden.

Gefühle und Ängste der Stieftochter oder Stiefsohn ernstnehmen

Sofern die Trennung der leiblichen Eltern noch nicht lange zurückliegt, befinden sich viele Kinder in einer Trauerphase und sind emotional oft noch stark belastet, auch wenn es ihnen äußerlich nicht anzumerken ist. Eine ablehnende Haltung gegenüber einer neuen Partnerin ihres Vaters oder dem Freund der Mutter ist häufig nicht persönlich gegen diese gerichtet, sondern hat andere Ursachen. Das Kind steht eventuell weniger im Mittelpunkt, wenn sich ein Elternteil verliebt und befürchtet, dieses zu verlieren. Das ablehnende Benehmen des Kindes resultiert weniger aus Eifersucht als aus einer Verlustangst. Der Familientherapeut Jesper Juul empfiehlt in seinem Buch "Aus Stiefeltern werden Bonus-Eltern", das Gespräch mit dem Kind zu suchen und diesem deutlich zu machen, dass seine Ängste und Gefühle verstanden sowie akzeptiert werden. Besonders zu Beginn einer neuen Beziehung kann es für Stiefeltern ratsam sein, sich auch mal zurückzuziehen.

Rollen innerhalb der Patchworkfamilie klar definieren

Wird eine Patchworkfamilie gegründet, ist es wichtig, dass die Rollen innerhalb der zweiten Familie klar definiert sind. Ohne eine klare Rollenverteilung muss jede Situation neu verhandelt werden, wodurch weder für Stiefeltern noch für Kinder eine Orientierung gegeben ist.

Stiefmütter und Stiefväter sind keine Ersatzeltern für den Stiefsohn oder die Stieftochter

Die Bonusmütter oder -väter ersetzen nicht die leiblichen Mütter und Väter, sofern diese nur abwesend sind. Nach Meinung vieler Psychologen und Pädagogen sollten sie sich daher aus der Erziehung zurückhalten und ihre Partnerin oder den Partner lediglich unterstützen. Im Idealfall gelingt es allen Erwachsenen, sich miteinander über die Erziehung zu verständigen. Das setzt voraus, dass sie sich nicht gegeneinander ausspielen. Selbst wenn dies nicht offensichtlich geschieht, haben Kinder feine Antennen und merken Missstimmungen deutlich. Anstatt die leiblichen Eltern verdrängen zu wollen, sollten sich Stiefmütter und Stiefväter tatsächlich als Bonuseltern sehen, die als zusätzliche Bindungspersonen für die Kinder da sind. Kinder sind durchaus in der Lage, zu mehreren Personen feste Bindungen aufzubauen.

Wenn alle Stränge reißen: Es gibt Hilfs- und Beratungsangebote

Jede Familie ist anders und deshalb können pauschale Tipps auch nur bedingt helfen. Lassen sich Konflikte mit den Stiefkindern trotz aller Bemühungen nicht lösen und bleibt die Situation angespannt, ist das kein Grund aufzugeben. Ausgebildete Familientherapeuten erkennen Ursachen helfen dabei, Lösungen zu finden. Kompetente Ansprechpartner sind auch das Jugendamt und Familienberatungsstellen.

Familienformen:

Lesenswerte Artikel: