Berlin (28.09.2010) Deutschland braucht einen Masterplan, der vor allem der Prävention und Gesundheitsförderung im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten besser gerecht wird. So lautet das Fazit einer wissenschaftlichen Tagung heute in Berlin.
“Die seelische Gesundheit gerät durch den starken Anstieg psychischer Krankheiten ins Rampenlicht. Hier müssen wir gegensteuern, und zwar so schnell und so wirksam wie möglich”, so Marion Caspers-Merk, Präsidentin des Kneipp-Bundes e.V. Es brauche vor allem mehr Prävention, Kooperation und Vernetzung. Eingeladen zu dem Treffen von Experten aus Gesundheitswesen und Politik hatten neben dem Kneipp-Bund e.V. die BARMER GEK und der Dachverband der Anthroposophischen Medizin in Deutschland (DAMiD).
“Wir sollten möglichst im frühen Kindesalter mit Präventionsmaßnahmen anfangen, um Kinder und ihre seelische Gesundheit stark zu machen”, betonte Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK. Dass psychische Erkrankungen eine zentrale Herausforderung des Gesundheitswesens sind, belegte Schlenker anhand aktueller Daten aus der Versorgungsforschung. So liege der Anteil psychischer und Verhaltensstörungen am Krankenstand von Arbeitnehmern bei 16,5 Prozent. Immer mehr Menschen würden wegen psychischer Störungen im Krankenhaus behandelt. In den vergangenen 20 Jahren sei ihre Zahl um 129 Prozent gestiegen.
Die Krankenkassen leisteten wichtige Beiträge zur seelischen Gesundheit, sowohl in der individuellen als auch der lebensweltbezogenen Prävention. Schon junge Menschen verdienten besondere Aufmerksamkeit. Sie zahlten einen hohen Preis für zahlreiche Unsicherheiten in ihren Lebensstrukturen, etwa wenn sich Eltern trennten. Die BARMER GEK engagiere sich in Projekten zur Förderung der seelischen Gesundheit von Jungen und Mädchen. Zugleich verwies Schlenker auf die zunehmende Bedeutung eines qualifizierten betrieblichen Gesundheitsmanagements, das die psychische Gesundheit der Beschäftigten fördert.
Als Aufgabe der gesamten Gesellschaft sieht Peter Zimmermann vom Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, Vorstand des Dachverbandes Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD), es an, die seelische Gesundheit zu bewahren und zu stärken. “Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion über seelische Gesundheit, nicht nur im Gesundheitswesen, das mittlerweile die teuerste Reparaturwerkstatt für gesellschaftliche Versäumnisse ist.”
Dass psychische Erkrankungen nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen sind, verdeut-lichte Jürgen Scheftlein für die Europäische Kommission. Der Europäische Pakt für psychische Gesundheit und Wohlbefinden fördere deshalb die Wahrnehmung der psychischen Gesundheit als Verantwortung der gesamten Gesellschaft. “Ein hohes Niveau an psychischer Gesundheit in der Bevölkerung unterstützt die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der EU und ist eine der Schlüsselressourcen für ihren Erfolg als Wissensgesellschaft.”
Für Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Leipzig, ist die bessere Versorgung depressiv Erkrankter durch regionale Bündnisse eine erfolgreiche Strategie zur Suizidprävention. “Unipolare Depressionen sind eine häufige, schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankung, die jeden treffen kann”, so der Mediziner, der auf der Tagung Schutz- und Risikofaktoren seelischer Gesundheit analysierte. Bei der Suche nach den Gründen für eine psychische Erkrankung bestehe jedoch oft die Tendenz, psychosoziale und andere äußere Faktoren gegenüber körperlichen Faktoren wie einer erworbenen oder genetisch bedingten Veranlagung zu überbewerten.
Pressemitteilung der Barmer GEK vom 28.09.2011